Unterrichtsidee: Nicola Rother 2005

HINWEIS: Aus Urheberrechts-gründen kann ich die Bilder von Magritte hier leider nicht veröffentlichen. Ersatzweise Bildbeschreibungen und Links.

www.nicola-rother.de

MENSCHEN -

- TIERE -

- SENSATIONEN!

Mehr zum Thema

Welche Erfindungen hat der Mensch gemacht, für die Fähigkeiten von Tieren - Fliegen, auf dem Wasser Schwimmen, Schnelligkeit - Vorbild waren?


                  gelblicher Himmel

   
                                            Mensch
                                          in schwarzem
                                         Anzug mit
                                         ebensolchen
                                         Flügeln lehnt
                                       - Blick nach rechts
                                         in die Ferne -
Löwe liegt                         an steinerner
mit Blick zur                       Brüstung
anderen Seite
friedlich auf steinerner Terrasse
(Löwe passt mir hier nicht
ins Konzept, ich ignoriere
ihn leichtfertig).                     (Link zum Bild)

Alle hier vorgestellten Magritte-Bilder spielen mit Aspekten des Themas, jeweils auf eigene Weise. Einmal bedient sich der Mensch direkt des Tieres, um dessen Fähigkeiten zu nutzen (Reiter), einmal hat er sich die zur Fähigkeit erforderlichen Attribute (Flügel) zugelegt, zweimal hat er Fähigkeiten von Tieren mit eigenen Erfindungen kopiert (Ballon, Auto) - jedoch ohne dabei auch die „Technik" des Tiers kopiert zu haben. Einmal hat er die Fähigkeiten des Tiers sogar weit „überflügelt" - oder vielmehr „unterlaufen": mit einer Vielzahl von Pferdestärken. Zweimal ist eine Metamorphose / (An-)Verwandlung dargestellt (Flügel, Fischmensch), wobei einmal die Zweckmäßigkeit der Verbindung höchst - magrittetypisch - fraglich ist: Hat die „falsche" Meerjungfrau bei der Auswahl ihrer Teile klug gehandelt?

René Magritte: Le Voleur

René Magritte: Heimweh


Himmel


Pferd mit antreibendem Jockey in Rennpose
rast
mit Geschwindigkeit und Anstrengung,
scheint durch den Himmel zu fliegen.

Grüner Oldtimer mit Chauffeur
und gesetztem Herrn im Fond,
ruhig und gleichmütig,
keine Anzeichen
von Bewegung,
vermutlich Fahrt in gemächlichem Tempo.

Jedenfalls gemächlich, was das Potenzial des Autos betrifft. Für das Pferd ist dies schon Höchstgeschwindigkeit.

Straße

(Link zum Bild)

Das Fliegen wird als Menschheitstraum bezeichnet - auf diesen Wunschtraum konnten die Menschen wohl nur kommen, weil sie sahen, dass Tiere so etwas können. Im Kinderbuch „Madita" von Astrid Lindgren ist der Traum vom Fliegen - diesmal skeptisch - in dem Ausspruch zusammengefasst: "Wenn unser Herrgott gewollt hätte, dass die Menschen fliegen, dann hätte er doch Federvieh aus ihnen gemacht."



Meer



Ein Mensch-Fisch-Wesen liegt an den Strand gespült.
Es hat Beine und Unterleib eines Menschen,
Oberkörper und Kopf eines Fischs.
Quasi eine „Nixe verkehrt".


Strand

(zum Bild:   Link 2)

René Magritte: Die kollektive Erfindung, 1934

Die Menschen gaben sich nicht mit dem zufrieden, was ihnen gegeben war. Weil sie die Tiere um deren Fähigkeiten der Fortbewegung in verschiedenen Elementen - fliegen, schwimmen, tauchen - oder die schnelle Fortbewegung an Land beneideten, setzten sie ihren Erfindergeist daran, diese besonderen Fähigkeiten auch für sich selbst zu erringen. Sie erfanden Flugzeuge, Schiffe, U-Boote, Autos und Eisenbahnen.

René Magritte: Der Zorn der Götter, 1960

Im „Zorn der Götter" (Konfrontation Auto - Pferd) bedient sich der Mensch zunächst als Reiter der Fähigkeit des Tiers, dann ahmt er dessen Fähigkeit mit einer eigenen Erfindung nach, entwickelt sie weiter und übertrifft dabei noch sein ursprüngliches Vorbild, denn obwohl das jagende Pferd über dem Auto abgebildet wurde, ist dennoch klar, dass das Auto schneller fahren als das Pferd rennen kann. Die Ursprungsverbindung sowie der Schnelligkeitsunterschied von Pferd und Auto kam Marlon sofort in den Sinn: „Das Auto hat auch PS(!), aber viel mehr." Den Gedanken des Überflügelns hat Magritte auch im Titel zu „Le Voleur" ausgedrückt: „Voleur" erinnert an „voler" - „fliegen"; „Voleur" heißt im Französischen aber (auch): „Dieb".

So führen Magrittes Bilder uns zur Planung von Tier-Technik-Mischwesen. Nicht nur in Bezeichnungen wie „Pferdestärken", sondern vielfach auch in der Form sind Vorbild-Nachbild-Verwandtschaften von Tieren und Erfindungen zu erkennen. Den Gedanken der Metamorphose aufgreifend, erfinden die Kinder Modelle, denen man ansehen kann, welches Tier das jeweilige Flug-, Schwimm- oder Fahrzeug als Vorbild hat, z. B. ein Flugzeug, das gleichzeitig den Vogel als Ideengeber einbezieht.

Als Entwurfshilfen standen Sachbücher über Tiere und Sachbücher über Flugzeuge, Autos, Eisenbahnen und Schiffe zur Verfügung, die zur Ideenfindung und besonders bei Unsicherheiten genutzt wurden.

Technische Erfindungen bleiben nicht in der Fantasie der Menschen, sondern werden tatsächlich gebaut. Ebenso machen wir es mit unseren Erfindungen. Vorher jedoch sind Konstruktions- bzw. Entwurfszeichnungen nötig. Die Kinder planen ihre Modelle in Bleistiftskizzen, die nicht ausgearbeitet sein müssen, aber doch die tierischen und technischen Aspekte gut erkennen lassen sollen. Die Skizzen haben sich als sehr wertvoll für die weitere Arbeit erwiesen. Aus ihnen ließ sich vielfach die technische Konstruktion des Modells ableiten, etwa ob man mit Schachteln, Rollen oder selbst geformten Pappmachéteilen arbeiten kann. Die Skizzen halfen dabei, dass ursprüngliche Ideen bei der Herstellung des Modells im Kampf mit Material und Technik nicht völlig untergingen. Und dass die Kinder durch verlockende Materialreize bei der Ausgestaltung nicht so leicht vom Weg der eigenen Idee auf den Irrweg des Materialsammelsuriums abkamen.

Regina (Kl. 1): Flugzeug-Vogel

Während die meisten Kinder ein Flugzeug-Vogel-Mischwesen („ein Flugzeug, das gleichzeitig ein Vogel ist") in unterschiedlicher Ausformung planten, nahm Patricia (Kl. 3) die Formulierung auf, ein Flugzeug zu bauen, dem man ansieht, dass es den Vogel als Vorbild hat. Sie baute ein „reines" Flugzeug, verstärkte jedoch darin die ohnehin vorhandene Vogelähnlichkeit leicht durch die Idee, die Flügel nicht waagerecht vom Rumpf abstehen zu lassen, sondern sie abwärts zu richten und wie im Augenblick eines Flügelschlags erscheinen zu lassen. Sie nähert sich damit den subtilen Irritationen des surrealismusnahen Magritte, indem sie ein auf den ersten Blick normal erscheinendes Flugzeug schafft, an dem aber doch irgendetwas „nicht stimmt": Hier sind es die abwärts gerichteten, quasi lebenden Flügel, die das Flugzeug in dieser Position unfähig zur Landung machen würden.

Gern hätte ich es den Kindern nun freigestellt, welchen ihrer Entwürfe sie zuerst verwirklichen möchten. Nachdem sich jedoch zeigte, dass viele Kinder dieser jahrgangsgemischten Gruppe der offenen Ganztagsschule von Klasse 1 bis 4 noch wenig Übung im freien Basteln hatten, ohne Lehrerhilfe kaum vorankamen und über technischen Schwierigkeiten die Umsetzung ihrer skizzierten Ideen in ein Bauwerk aus den Augen verloren, schien mir eine Begrenzung auf ein gemeinsames Zielobjekt und gemeinsame Technikvorschläge kaum zu vermeiden. Daher begannen zunächst alle mit der Verwirklichung ihres jeweiligen Flugzeug-Vogel-Modells in der Technik Pappmaché, damit durch die ähnliche Arbeit aller Kinder weniger vielfältige technische Schwierigkeiten auftraten und mehr Möglichkeiten der gegenseitigen Unterstützung bestanden.
Offenbar hatte ich die Kinder mit der Technik der Aufgabe und mit meinem Wunsch, dass ihre in den Skizzen sichtbaren guten Ideen nicht bei der Umsetzung verloren gehen mögen, überfordert, so dass intensivere individuelle Beratung nötig wurde, die nur in einer Kleingruppe möglich war. So wurde der nächste Arbeitsabschnitt, in dem die Kinder selbst entschieden, welchen ihrer weiteren Entwürfe sie wann bauen möchten, in den Ferien mit nur wenigen Kindern durchgeführt.

Jost (Kl. 1): Auto-Pferd

Marlon (Kl. 4): Pferd-Auto

Burcu (Kl. 1): Löwen-Eisenbahn

Jost (Kl. 1): Enten-Boot

(keine Skizze
vorhanden)

Burcu (Kl. 1): Schwanen-Boot mit Passagier

Marlon (Kl. 4): U-Boot-Fisch

Literatur:

Der hier beschriebene Unterricht ist der zweite Teil einer Unterrichtsreihe zum Thema "Menschen und Tiere". Der erste Teil der Reihe wurde im Sonderheft Kunst 2005 der Zeitschrift Grundschulunterricht bei Oldenbourg veröffentlicht.

Lindgren, Astrid: Madita. München: Deutscher Taschenbuch Verlag 1979 (10.Aufl.), S. 37

Meuris, Jacques: René Magritte. Köln: Benedikt Taschen Verlag 1997

Nachtigall, Werner: Natur macht erfinderisch; Das große Buch der Bionik. Ravensburger Buchverlag, 2001

Passeron, René: René Magritte; Die Gesetze des Absurden. Köln: Benedikt Taschen Verlag 1986 (hierin die Abbildung "Le Voleur")