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Fantasieren mit Magritte

René Magritte
"Die fixe Idee"
1928
Berlin, Nationalgalerie
SMPK
©Bild-Kunst Bonn 2005

hier Vergrößerung

Eine Abbildung ist auch zu finden in:
Passeron, René:
René Magritte. Die Gesetze des Absurden. Benedikt Taschen Verlag 1986

René Magritte setzt die Wirklichkeit, oder das, was wir dafür halten, auf hinterlistige Weise außer Kraft und durchsetzt sie mit skurrilen, überraschenden, oft absurden Ideen. Den „Gag" seiner Bilder erkennt man manchmal schnell, etwa wenn sich ein Fuß fließend in einen Schuh verwandelt oder wenn ein Mann in einen Spiegel blickt und sich darin statt von vorn von hinten sieht. Oft sind die Bilder rätselhaft, auf den ersten Blick harmlos bis nichtssagend, dabei aber so verschlossen, dass man partout nach einer Ungereimtheit sucht. Manchmal verläuft sich dabei die Fantasie des Betrachters, der nach der Falle fahndet, die er von Magritte erwartet, ohne sie so recht im Bild finden zu können. Die Ahnung eines verborgenen, hinterlistigen oder surrealistischen Geheimnisses bleibt. Wie gern würde man spätestens jetzt den Bildtitel zu Hilfe nehmen, aber auch hier foppt uns Magritte, indem er überwiegend Bildtitel gegeben hat, die das Bild nicht erklären, sondern den Betrachter nur noch mehr irritieren sollen.

Hier haben wir so ein eigenartig nichtssagendes Bild, betitelt „Die fixe Idee", das aus vier gleichförmigen Rasterteilen kombiniert ist. Auf dreien ist etwas ausschnitthaft gemalt, was für sich allein sonst kaum in Bildern anzutreffen ist: Wald, Himmel und Hausfront. Erst auf dem letzten Teil findet sich Gewohnteres, ein Mensch, und zwar ein Jäger, der lauernd sein Gewehr bereit hält - allerdings seltsamerweise vor einer Mauer stehend. Dieser Jäger könnte uns verdächtig vorkommen und wir versuchen, ihn mit den übrigen Bildteilen in einen - am liebsten sinnvollen - Zusammenhang zu bringen. Oder notfalls auch in einen sinnlosen, denn wir befinden uns ja schließlich im Surrealismus.
Diesem Bedürfnis nach Sinnkonstruktion kommen wir nach, und zwar gemeinsam mit den Kindern im Kunstunterricht. Wir finden und erfinden Sinn, Zusammenhang, Handlung, Vor- und Nachgeschichte und mischen uns anschließend selbst in die Bildgestaltung ein, verändern Magrittes Bild teilweise oder bis zur Unkenntlichkeit mit eigenen Bildideen.
Dabei vertraue ich darauf, hiermit Magrittes Absichten nicht zuwiderzulaufen, denn wenn er auch keinen Sinn vermitteln wollte, so doch sicherlich die Grübelei und Sinnsuche, sei sie vergeblich oder fantastisch.

Zunächst betrachten wir gemeinsam eine Reproduktion des Magritte-Bildes, bei der die Bildteile auf getrennte Blätter kopiert und dann originalgetreu zusammengestellt wurden. Sogleich kommentierten die Kinder, ob das Bild nun stimmig oder unstimmig sei und stellten Zusammenhänge und Brüche der Bildteile heraus. Sie ordneten die Bildteile in verschiedenen Varianten neu an, um einen sachlichen und entsprechenden räumlichen Zusammenhang herzustellen, den sie erläuterten - ein erster Schritt der Sinnkonstruktion. Dennoch wurde das Bild weiterhin als langweilig und nichtssagend gewertet. Es deutet sich der Wunsch an, das Bild möge etwas Schlüssiges darstellen, quasi eine Geschichte erzählen. Die Kinder vermuten, dass sich hinter der Hauswand und in dem dichten Wald etwas Unentdecktes abspielen könnte, das man sich als Betrachter nur in der eigenen Fantasie vorstellen kann.


Anschließend bilden sich Gruppen zu mindestens vier Kindern. Die vier Bildteile sind in ausreichender Anzahl kopiert, so dass jede Gruppe ein Gesamtbild bekommt und die Teile unter sich aufteilen kann. Der Auftrag: „Erfindet eine Geschichte, in der jeder Bildteil vorkommt." Jedes Kind ist für einen Bildteil „zuständig"; hierdurch werden auch die auf den ersten Blick unergiebigeren Bildteile als gleichwertige Fantasiergrundlagen ins Spiel gebracht. „Erzählt gemeinsam - jeder zu seinem Bildteil - eure Geschichte und ordnet die Bilder passend an." Es dürfen natürlich auch mehrere verschiedene Geschichten sein. Ebenso kann sich auf Wunsch jeder einzelne eine gesamte Geschichte zu allen vier Bildteilen ausdenken.
Die wesentlichen Dinge, die die Kinder in ihren Geschichten zu Magrittes Vorgabe hinzufügten, werden notiert und werden Inhalt der zu malenden Bilder. Damit sichtbar wird, dass sie zu Magrittes Bild gehören, orientiert sich die Bildgestaltung an Magrittes Vorbild: Es wird pro Bild nur ein Ding (Gegenstand, Mensch, Tier, Gefühl, Ort) dargestellt, die Bilder sind ganz ausgefüllt mit dem Ding und evtl. einem Hintergrund. Es wird keine Handlung dargestellt. Die einzelnen Dinge des Gesamtbildes werden in den Teilbildern nicht in Zusammenhang gebracht, sondern lediglich aufgelistet. Die Geschichte daraus zu konstruieren, ist Aufgabe des Betrachters.

Geweih

Hirsch

Hals des Hirschen

Seil

Schlucht

Feuer, in dem das Jägerzubehör verbrannt wird

Ring für die Frau des Jägers

Frau des Jägers

gejagter Hase

Hund des Jägers

kranker Vogel

Jägerbuch

Pelzmantel aus Bärenfell

Bär

Fuchs

Bürgermeister

Belohnung

Schloss

Variation: Ein Bildteil soll durch einen selbst erfundenen ersetzt werden. So wurden Magrittes Bildteile nach und nach zu einem belebten Gesamtbild.